Der Cocktail für erfolgreiche und nachhaltige Veränderungsprozesse

Stellen Sie sich kurz vor Sie spazieren mit einer Wandergruppe in den peruanischen Anden. Der anspruchsvolle Wanderweg führt Sie durch unbekannte Landschaften, vorbei an atemberaubenden Naturgebilden und eindrucksvoll steilen Abhängen. Der Guide ist allerdings mit seinen Erklärungen nur darauf fokussiert wie weit es zur nächsten Hütte oder Wasserstelle ist und was bzw. wieviel Wasser und Essen es dort gibt. Die Schönheit der Landschaft bleibt im wahrsten Sinne auf der Strecke. Durch diese Themenwahl werden Sie die Wanderung, so aufregend sie auch sein mag, als wenig spannend oder sinnvoll erleben. Ganz anders wäre das Erlebnis, wenn der Guide, entsprechend Ihrer Stimmung und Bedürfnisse, auf die Schönheiten und Gefahren der bereisten Landschaft eingeht und von bevorstehenden Sehenswürdigkeiten schwärmt.

Das Erlebnis der fiktiven Wandergruppe hat viel mit der Wahrnehmung von Wandel & digitaler Transformation in Organisationen gemein. Laut der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, geben über 85% der Unternehmen an, sich aktuell in einem Transformationsprozess zu befinden. Nur knapp 30% der Change Projekte erreichen die gesteckten Ziele.

Warum ist das so?

Die meisten Change Maßnahmen in Organisationen beschäftigen sich mit der Struktur. Beispielsweise geht es um die Anpassung von Prozessen, Richtlinien, Technologien, Akquise- und Warenwirtschaftssystemen. Ebenso bedeutend ist jedoch der interne Wandel, d.h. die Veränderung der inneren Einstellungen, Gefühle und Gedanken der Mitarbeiter. Denn es sind meistens die organisationspsychologischen Faktoren (Einstellungen, Unternehmenskultur, Werte) die über Erfolg oder Misserfolg eines Change Prozesses entscheiden. Frei nach dem Motto: "Culture eats strategy for breakfast" (Peter Drucker).

 

Der starke Fokus auf der Sachebene ist psychologisch nicht verwunderlich. Menschen stützen sich in unklaren Situationen gerne auf scheinbar Fassbares in Form von logischen Zielen, Prozessen oder messbaren KPIs. Die Anpassung des Business Modells oder der Wechsel zu neuen Systemen in einem veränderten Markt ist zweifellos wichtig. Was dabei jedoch oft vergessen und manchmal auch absichtlich missachtet wird ist die persönliche- („Ich“) und kollektive („Wir“) Ebene des Wandels.

Wandel lässt sich nicht "top-down" verordnen

Das Ziel muss es sein, dass die Beteiligten den Sinn und Zweck des Wandels erkennen. Studien haben gezeigt, dass eine als sinnstiftend empfundene Arbeitstätigkeit, dazu gehört auch die Umsetzung eines Change Prozesses, zu einer besseren Auseinandersetzung mit der Aufgabe, einer höheren Motivation und Arbeitszufriedenheit sowie zu Stressreduktion und letztendlich einer höheren Lebenszufriedenheit beiträgt (Ihmels, 2014).

Welche Faktoren begünstigen eine erfolgreiche Transformation?

Den Führungskräften kommt in Veränderungsprozessen eine zentrale Rolle zu. Sie müssen ihren Teammitgliedern eine Antwort auf das „Warum und Wozu“ geben, selbst wenn diese nicht danach fragen. Diese Quellen der Unsicherheit zu beseitigen und ein inspirierendes Bild der Zukunft zu erzeugen, indem man offen und positiv auf den Wandel zugeht ist der eigentliche Erfolgsgarant. Des Weiteren ist wichtig, dass die Mitarbeiter eine Möglichkeit haben auf den Wandel Einfluss zu nehmen. Und sei der Einfluss noch so klein. Partizipation schafft Kooperation, Akzeptanz und Kommittent. 

Beantworten Sie die Fragen Ihrer Mitarbeiter

Die Mitarbeiterin fragt sich was bedeutet der Wandel für mich? Sie möchte wissen wie sich die Veränderungen in Ihrem Verantwortungsbereich zeigt, wie sie darauf Einfluss nehmen kann und warum die Veränderung sinnvoll ist. Das Team fragt sich, was bedeutet der Wandel für uns? Es möchte wissen, was genau für den Wandel notwendig ist, ob sich die Teamzusammensetzung oder die Teamaufgabe verändert, warum das so ist und was der Benefit für das Team ist. Beantworten Sie solche Fragen in Gesprächsrunden, in diesen werden Sie auch die Meinungsführer in den Teams identifizieren, um daraufhin in Einzelgesprächen deren Skepsis abzubauen. Dabei sollten Sie jedoch möglichst ehrlich und realistisch bleiben. Unterstützen können Sie diese Maßnahmen durch offene Unternehmenskommunikation (bspw. Monthly-Change-Wrapups), in denen Sie Ihre Mitarbeiter/Innen über die neusten Entwicklungen informieren.

Dimensionen des organisatorischen Wandels

Erstellt man eine Matrix basierend auf den Informationen, die wir bisher haben, lassen sich vier Dimensionen darstellen:

Abbildung 1: Dimensionen ganzheitlicher, erfolgreicher Veränderungsprozesse i.A.a. Ken Wilber

Aus diesen Dimensionen lassen sich die Bestandteile eines Cocktails für erfolgreiche und nachhaltige Veränderungsprozesse ableiten: 

  • Damit Anpassungen im strukturellen Bereich (Quadrand 2&3) gelingen, müssen sie durch psychologische Maßnahmen begleitet werden (Quadrant 1&4).

  • Auf Mitarbeiterebene (Individuum) sollte das Ziel sein, dass die inneren Einstellungen, Wandel begünstigen und nicht blockieren. Dies kann durch die Vorbildfunktion der Führungskräfte und die pro-aktive Beantwortung zentraler Fragen erreicht werden.

  • Um das Kollektiv „an Bord zu bringen“ sollte zunächst die Triade aus Werte, Vision & Sinnhaftigkeit gemeinsam herausgearbeitet werden, bspw. durch Gruppendiskussionen, Trainings und Feedback-Runden. So entsteht Klarheit über das für die Umsetzung notwendige Verhalten und die notwendigen Prozesse.

 

Nehmen wir nun an der eingangs erwähnte Guide, der Ihre Gruppe durch die Anden führt, hätte auf der ersten Hütte ein psychologisches Coaching (o.ä.) in Anspruch genommen. Nach der Stärkung versammelt er die Gruppe und fragt wie Sie die erste Etappe empfunden und wahrgenommen haben. Er erkundigt sich bei den Wandernden ob es Stationen gab, an denen Sie Angst hatten oder gerne mehr über die Landschaft um sie herum erfahren hätten. Die Teilnehmer bringen Ihre Themen nach und nach vor, während der Guide die Ängste relativiert und die Panoramen auf den Fotos der Teilnehmer nachträglich erklärt. Er gibt außerdem einen Ausblick auf die nächsten Stunden und ermutigt die Wandernden jederzeit Fragen zu stellen und Bedenken zu äußern. Vor dem Aufbruch bestellt er für alle Teilnehmer einen alkoholfreien Cocktail, den Sie gemeinsam genießen bevor es weitergeht.

Raphael Herkommer

Business Psychologist Die CONUFACTUR

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