Warum wir auf der Zielgeraden in Richtung Unzufriedenheit laufen

Vorbei sind die Zeiten, in denen Arbeit einfach nur Arbeit war. Ein Mittel zum Überleben. Ein Job. Arbeit wird als identitätsstiftendes Merkmal beschrieben, als Erfüllung prophezeit. Der Beruf soll zur Berufung werden. Old Work wird zu New Work - stabil zu agil. Floskeln wie diese dominieren die Newsletter und LinkedIn Seiten der Führungs- und Personalszene.

„Führungskraft als Sinnstifter“ oder auch „Führungsaufgabe Purpose“ sind zum Verkaufsschlager in Führungskräfteentwicklungsprogrammen geworden. Unternehmen werden beraten, Führungskräfte trainiert. Das ist auch alles gut so! Doch wo bleiben die Mitarbeitenden an dieser Stelle frage ich mich?

Was wird hier überhaupt von uns verlangt? 24/7 intrinsisch motiviert zu sein? In unserer Arbeit voll und ganz aufzugehen? Uns im Berufsleben zu entfalten und im Idealfall nicht mehr von einer Work-Life Balance zu träumen, sondern bereits die Work-Life Integration zu leben? Hier türmt sich eine zum Scheitern verurteilte Erwartungshaltung auf, die enormen Druck auf die Arbeitnehmerwelt ausübt. Und genau das ist der Grund, warum wir im Eiltempo Richtung Unzufriedenheit laufen! Denn jeder von uns weiß was passiert, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden.

Die ersten Auswirkungen hiervon sind bereits lange ersichtlich. Die Burnout Falle schnappt immer häufiger zu. Kein Wunder, wir leben ja auch in angeblich viel stressigeren Zeiten, in denen nichts so sicher ist, wie der Wandel selbst. Geprägt von Globalisierung, Digitalisierung und Ambiguität oder was uns sonst noch für Unwörter und Phrasen als Ursache für unsere „no time“ Gesellschaft einfallen mögen. Dazu kommt, dass wir ja auch nicht mehr wirklich belastbar seien, arbeitsfaul, eben ein bisschen too much Generation Y! Oder sind wir vielleicht doch nur an unseren Erwartungen gescheitert?

Was Viele immer wieder außer Acht lassen: Genau so eng wie das Arbeitspensum mit Burnout verwoben ist, ist es auch unsere Zufriedenheit und Motivation. Und diese speist sich bekanntlich aus der einfachen Multiplikation von Erwartung und Wert. Das Prinzip ist ganz einfach. Wenn ich das, was ich mache, gerne und selbstbestimmt mache, treiben mich auch keine Überstunden in die Knie. Nun sollte man meinen, dass die Idee von New Work genau darauf einzahlt. Das tut sie auch! Wenn wir die Erwartungshaltung allerdings immer weiter nach oben pushen fällt es uns zunehmend schwerer, Wertschätzung für das zu empfinden, was wir derzeit machen. Damit bewegen wir uns allenfalls in eine motivationslähmende Spirale und verfehlen somit auch das Prinzip von New Work und Sinnfindung.

Möchte ich also dazu aufrufen, wieder in Richtung Old Work zu laufen, die Sinnfrage außer Acht zu lassen und die persönliche Entfaltung im Berufsleben aufzugeben? Auf gar keinen Fall! Dennoch frage ich mich, ob wir vom einen Extrem in das andere laufen und ob es nicht einen erstrebenswerten Mittelweg gibt? Wie viel Unzufriedenheit ist erlaubt im Job? Wie viel extrinsische Motivation oder auch Demotivation dürfen wir uns eingestehen?

Wann ist gut, gut genug? Und vor allem: Wie unterstützen wir unsere Mitarbeiter bei diesen Fragen auf dem Weg zur Sinnfindung?

Diese Fragen sind keinesfalls trivial und von den Individuen einfach zu beantworten. Lasst uns also weiterhin Unternehmen beraten und Führungskräfte zum Sinnstifter trainieren. Lasst uns aber auch den Fokus auf die Mitarbeitenden richten. Ihnen helfen Visionen zu malen, persönliche Werte zu definieren, sich selbst zu reflektieren und Wünsche zu formulieren.

Lasst uns aber vor allem realistisch bleiben und ein bisschen unserer wertvollen Zeit zum Genießen investieren!

Anja Sinz

Beraterin Die CONUFACTUR